"Sie erinnern sich vielleicht unseres Spazierganges im Park des Chateau de Belair..."

Auch wenn Sie, gnädige Marquise de Neufchatel, durch die erholsame Kur an der See verhindert waren, muss ich Sie zutiefst bedauern, daß Sie des Vergnügens, auf dem Sonnenball am 26. Juley im Schloss zu Nischwitz zugegen gewesen zu sein, beraubt worden sind! Um Ihnen einigen Trost zu spenden, Sie zu unterhalten, versuche ich, durch meine Worte Ihrer Vorstellung mehr darüber Raum zu geben, was sich Aufregendes und Amüsantes auf dem Ball ereignet hat. Sei Ihnen kundgetan, daß ich den größten Wert darauf lege, was unsere innige Verbundenheit, die mitteilsam macht, betrifft. So wird sie diesen wahrscheinlich langen Brief diktieren!
Gnädige Marquise, als ich mich mit Baron von Künzel in Nischwitz einfand, hatte ich mich leichtfertig zu einem Irrtum verleiten lassen. Es geschah, als eine maskierte Dame direkt auf uns zukam. Einen Augenblick erlag ich dem starken Verlangen, mich vor ihr voller Ehrfurcht zu verneigen. Mein hitziger Kopf hätte beinahe den Boden berührt! Wissen Sie, der Chevalier de Boismotier und seine Comtesse aus dem Burgund hatten sich zu uns gesellt und wären somit Zeugen meiner Lächerlichkeit geworden. Sie erraten, was ich glaubte? Ich sah vor mir Marie Antoinette! Wie sie auflachte! Wie sie sich amüsierte! Mir war, als ob sie meinen Irrtum durchschaute. Sie versuchte dabei sich nicht zu erkennen zu geben, wobei sie bestimmt im Bilde war. Ganz wie Madame de Stäel einmal erwähnte, deren Worte ich ihnen zitieren möchte: „Marie Antoinette besitzt eine gewisse Art der Umgänglichkeit, die ihr nie erlaubt zu vergessen, daß sie Königin ist, und immer so tut, als ob sie es vergäße.“Ich erblasste… Ah, die Doppelgängerin! Sind Sie boshaft genug, mich auszulachen? Kennen Sie vielleicht diese Duchesse d`Orsay? Ich glaube, Sie haben mir einmal von ihr, die Sie vor einiger Zeit in den Schatten - welch eine Schmach für Sie! – gestellt hatte, erzählt. Haben Sie schon vergessen, wie Sie sich über sie beklagten? Ist sie nun wirklich jene Person, die mich fast um den Verstand gebracht hätte?
Verzeihen Sie mein Durcheinander – erbarmen Sie sich meiner! Jetzt versuche ich, mich aufzuraffen und einige Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Sie sind bestimmt ungeduldig, endlich alle Details des Sonnenballes zu erfahren.
Wie Sie bereits wissen, waren die edlen Gäste in einer Zahl von über 400 aus ganz Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich, Spanien und sogar Indien nach Nischwitz angereist. Kaum hatten sich die Tore des Schlosses geöffnet, wurde uns im alten prächtigen Rokoko-Festsaal ein entzückendes Kammerkonzert gegeben. Welch ein Saal - wohl der letzte des Grafen Brühl überhaupt! Man erzählte sich, daß der Graf sich dem Racheakt Friedrich des Grossen beugen musste. Armer Brühl! Der einzige Trost für ihn ist aber, daß der Festsaal zu Nischwitz heute, wenn auch in besorgniserregendem Zustand, als einziger erhalten ist. Das Konzert mit der hinreißenden Musik des venezianischen Maestros Antonio Vivaldi war voller Dramatik. Ich vermag Ihnen nicht zu beschreiben, wie wunderbar die Kantate „In urbato mare irato“ auf der himmlischen Bühne in Szene gesetzt war. Wahrscheinlich wird sie wohl nicht wieder so gut gespielt werden.
Nach dem lang anhaltenden Beifall hat sich dann die feine Gesellschaft im Schlosspark verlustiert. Und die Sonne schien wunderbar! Was für ein Glück für uns alle, daß wir uns nicht über die bedrückende Hitze zu beklagen brauchten, die noch wenige Tage vorher das Leben so schwer gemacht hatte. Man konnte meinen, es herrsche das Rokokowetter!
Im Sonnenschein wurde der Sonnenball mit dem Ballet de soleil eröffnet. Das alte, wahre Zeremoniell, das unsere Seele rührte! Alles, was in Rot und Gold erglänzte, verlieh dem Fest den Glanz von Feierlichkeit und Größe. Welch ein Prunk auf dem Lande! An dieser Stelle muss ich Sie wieder aufrichtig bedauern, daß Sie sich solcher Pracht nicht hingeben konnten!
Kurz vor dem Beginn des großen Gesellschaftsspieles im Park mit antiken Gottheiten, die von hübschen Schauspielern verkörpert wurden, auf einem goldgelberen sternförmigen Rasenstück, das von sechs grüngoldenen Vasen auf grazilen, feminin anmutenden Säulen flankiert wurde, machte mich ein edler Herr auf ein Paar aus dem fernen Salzburg aufmerksam. Was sah ich? Stellen Sie sich mein Erstaunen vor! Die Frau von Hohenfels war von majestätischer Würde, worauf ihr Gemahl wirklich stolz sein musste. Ihre bestimmte Schönheit hat mich einfach verblüfft. Ein Gewand aus reinem Gold! Und welch ein Kopfputz, welch ein Wagnis! Ihre Frisur musste etwa drei Fuß hoch sein, gekrönt von einem vergoldeten Schwan. Mir schien, sie sorgte mit dem weitaus prächtigsten Kopfputz dafür, die Blicke sämtlicher Herren auf sich zu ziehen. Wie sie schwebte, nichts hat einmal geschaukelt! Ist es nicht phantastisch?
Das Spiel der göttlichen Sinne war wahrhaftig erheiternd und brachte uns immer wieder zum Lachen. Nicht zuletzt mussten wir Zuschauer all den Mitspielern, den Damen und Kavalieren, bewundernden Beifall mit der von den Göttern erfundenen Geste zollen. Den Göttern selbst, darunter Artemis, Aphrodite, Demeter und Poseidon haben sie alle Ehre gemacht.
Bester Laune und Heiterkeit zugleich wurde uns dann das von der kräftigen Abendsonne durchflutete Buffet unter dem weißen, langen Pavillondach eröffnet. Alles duftete appetitlich! Wehe der Damen, die das Korsett trugen! Wehe der Kavaliere, denen die kostbaren perlmuttnen Knöpfe verlustig gingen! Vielleicht erinnern Sie sich, wie schwach ich beim Anblick einer köstlichen Speisetafel werde. Welch erlesene Speisen vor meinen Augen und meiner Nase, die Herren über meine Beherrschung wurden.
Aber höre ich, werte Madame, lieber auf zu beschreiben, damit Sie zum Schluss nicht in die Verzweiflung getrieben würden, solcher Freude wirklich beraubt worden zu sein? Wollen Sie tapfer sein – dann lasse ich Ihnen weitere Zeilen zukommen.
Als die Abendsonne gerade hinter dem stattlichen, alten Baumbestand verschwand, forderte man uns zu tanzen auf. Mit einem Schlag – tutti quanti! – wurde der Große Hofball eröffnet and bald befanden sich viele auf der wohl polierten Tanzfläche und atmeten die liebliche Abendluft zu schwungvoller Musik voller Hingabe ein. Ach, Sie können davon überzeugt sein, wie sehr der Tanz Ursprung und Essenz aller Freude und Lust ist! Die galanten Schwünge der Damen - die stolzen Schritte der Herren. Alles in einem, alles vereint in der Polonaise. Doch dann verführte die Musik des Menuetts uns alle. Welch Zauber in diesem Augenblick!
Seien Sie weiterhin mutig!
Denn ein Höhepunkt folgte dem anderen, wovon wir uns immer noch nicht erholen können: Zu später Stunde erschien der Sonnengott Helios auf einem prächtigen Wagen, der ganz dem Dresdner Barock entsprungen zu sein schien, aus dem Dunkel. Seine Diener umrahmten ihn mit Fackeln – alles glänzte in Gold! Die Schar verstummte vor Erstaunen.
Die Worte, mit denen der Sonnengott uns auf eine mythologische Reise einlud, können wir nicht aus dem Kopf verdrängen! Unsere Herzen schlugen höher, stellen Sie sich vor! Was für ein Abenteuer stand uns bevor! So folgten wir, die Sterblichen, ihm ergeben und gehorsam. Die Stille während des Spazierganges im nächtlichen Park ließ uns erschaudern. Plötzlich befanden wir und vor einer herrlich befremdlichen Kulisse. Eine Art Tempel war zu erkennen, beflammte, steinerne Vasen standen dort. Viele Kerzen erhellten die Lichtung, auf der die schaurig schöne Pythia den Orakelspruch verkündete.
Der Weg führte uns weiter zu einem rauschenden Bach, wo die bildschöne Aphrodite aus einer großen Muschel erschien und uns ergötzte. Zwischen mystisch erleuchteten Bäumen, wurde dann der Schrecken der Unterwelt, des Hades, von wilden Wesen vertanzt. Sie dürfen diesen Zeilen entnehmen, daß wir uns wieder im elysischen Gefilde wie in Trianon befanden!
Und weiter ging es zur gegenüberliegenden Seite - zwischen den Teehäusern bot sich uns der Olymp als eine göttliche Illusion aus fließendem Licht in blau und rot und ellenlangen Seidengewändern, welche wir mit Augen und Ohren bis aufs Äußerste gespannt aufsaugten. Das befremdliche Murmeln der pantomimischen Götter lässt mich noch jetzt erschaudern.
Von Irrlichtern umsäumt erreichten wir endlich den Brunnen der Hoffnung, der von einer blendenden Schönheit, die mit ergreifender Klarheit elegischen Weisen sang, verkörpert und einer futuristischen Laterna magica versinnbildlicht wurde. Was für ein Schauspiel im ganzen Park! Kurz, das ganze Theater!
Kaum hatte uns Helios, pünktlich zur vollen zwölften Stunde, wieder vor das Schloss geführt, war der klare Himmel alsbald mit vielen Lichtsternen überflutet. Ergriffen und erstaunt überwältigte uns ein minutenlanges Feuerwerk zu der berauschenden Musik des Ihnen, meine gnädigste Marquise, so vertrauten Jean Baptiste Lully vom Hofe in Versailles.
Sie erinnern sich vielleicht unseres Spazierganges im Park des Chateau de Belair, in dem ich Ihnen wie ein Held vorkommen musste, als wir uns in einem Irrgarten verliefen und ich uns zu unser beider Glück ehrenhaft aus der Verlegenheit befreien konnte. So habe ich dort auf dem Ehrenhof in Nischwitz ein wundervolles, sensationelles ja lebendiges Labyrinth aus abertausenden Kerzenflämmchen entdeckt – ich musste unentwegt an Sie denken! Ach, wären Sie dabei gewesen, wir hätten ein solches Vergnügen gehabt! Seien Sie versichert, daß Sie bei diesen Zeilen nicht über unser schwaches Geschlecht erröten müssen!
Sie kennen nun unser Fest durch meine gewiss nur unzureichende Beschreibung. Ich hoffe, Ihnen somit zur vollen Zufriedenheit gedient zu haben! Vielleicht werden Sie Ihren nächsten Aufenthalt an der See im kommenden Jahr ein wenig verschieben wollen.
Apropos - kennen Sie die Säle des Schlosses? Es gab auch hier einige Neuigkeiten: Die gesamte gartenseitige Zimmerflucht war erstmalig zu bestaunen und einige neue Wandgemälde, die so betörend nach Firnis riechen, waren voller Reiz!
Adieu, gnädige Marquise! Seien Sie davon überzeugt, daß ich mir weiterhin keine Gelegenheit entgehen lassen werde, Ihnen gefällig zu sein.Baron von Künzel bittet mich, Ihnen seine aufrichtige Ehrerbietung entgegen zu bringen.

Ihr ergebenster Graf von Thomau

(Text: Thomas Mauersberger)

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