"Sehen und gesehen werden" war die Devise

Sonnenball: Gäste aus ganz Deutschland feierten im Nischwitzer Schloss ein rauschendes Fest


Von Ingrid Leps

Nischwitz. Graf Brühl konnte die 400 Gäste, die am Sonnabend aus allen Gegenden Deutschlands in seine Sommerresidenz gereist waren, leider nicht begrüßen. Er ist schon vor 240 Jahren verstorben. Doch auch ohne ihn geriet der Sonnenball im Nischwitzer Schloss zu einem prachtvollen Fest barocker Sinnenfreude.

Schaurig-schöne Fabelwesen kokettierten auf der Wiese vor dem Schloss mit überdimensionalen Straußenfedern. Auf einem stattlichen Friesen zog eine elegante Reiterin im Damensattel ihre Kreise. Barock-Musik und raffiniertes Theater rund um die Launen der Götter unterhielten die Gäste bis in den frühen Morgen. Zu später Stunde erstrahlte der Park im Glanz tausender Lichter.
In Reifrock und Dreispitz, mit ”Hüftspeck“ und gepuderter Perücke wurde flaniert, was das Zeug hielt. ”Sehen und gesehen werden“ war die Devise. ”Diese Kameras sind der Stilbruch schlechthin“, klagte eine Dame mit Krioline und ließ sich mitnichten davon abhalten, ihren Begleiter im noblen Ambiente der Beletage abzulichten. ”Die Beine ein bisschen höher, ja so sitzt man im Damensattel“, korrigierte ein anderer die Haltung seines Fotomotivs auf der Salonschaukel.
Bei Kostümverleiherin Barbara Schilling hatte sich ein Herr gemeldet, der zum Sonnenball eine Wettschuld als Dame einlösen musste. Der Mann war schwer zu enttarnen: Auf die Idee waren noch andere gekommen. Carsten Moos und Petra Thieme aus Kassel zum Beispiel stürzten sich in vertauschten Rollen in den Festtrubel. ”Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Ich hätte nie gedacht, dass man hier so phantastische Kostüme sehen kann“, schwärmte die Frau in den glänzenden Kniebundhosen.
Aus der Gegend von Heilbronn war Alexander Link mit Frau und Sohn angereist. Das Ehepaar tanzt in der Gruppe Les Danceurs bei Kostümfesten und ist im Internet auf der Suche nach anderen Gruppen mit dem Faible fürs Historische per Zufall auf den Sonnenball gestoßen. ”Die Organisation ist professionell. Wir hatten hohe Erwartungen. Die wurden nicht enttäuscht“, machen Links der IG Sonnenball ein dickes Kompliment.
Dem schließt sich auch Dorotheè Stanneck aus Solingen an. Sie betreibt ein Atelier zur Maßanfertigung historischer Kostüme und weiß, dass das Nischwitzer Barockfest bei Insidern als ”legendär“ gilt. ”Die Werbung im Internet ist hundertprozentig. Ich habe mir sagen lassen, dass hier eine der trockensten Gegenden Deutschlands ist“, erzählt die Frau in erlesener Robe. Ein Mittelalterfest bei regen gehe ja noch an, aber für ein Barockfest sei Niederschlag tödlich.
Ein imposantes Paar sind Edith Hartmann und Hermann Hans aus Stuttgart, die sich prächtig amüsieren. Die grandiosen Kostüme hat der Schneider selbst gefertigt. ”Man sticht raus“, kommentiert seine Begleiter zufrieden den Aufputz mit Tüll und ”Eselsteinen“, mit dem sie Aufsehen erregt.
Ein Heimspiel ist das Fest für Johannes Kirsten aus Nischwitz, der mit hundertjähriger Bibel und Fotoapparat in der Mönchskutte als Bruder Johannes von der Abtei Wechselburg angetreten ist.
Auf dem der alten Gärtnerei stehen Autos aus Berlin, Annaberg, Delitzsch, Leipzig, Zwickau. Die weiter Gereisten haben ihre Karossen gleich am Hotel zu Mühle abgestellt und flanieren im Kostüm zum Schloss - ein Bild das den Nischwitzern inzwischen längst vertraut ist.

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