Meinungen zum Sonnenball 2000
Barockes Lebensgefühl heraufbeschworen
Im Nischwitzer Schloss lud die IG Sonnenball zu einem gelungenen Kostümfest unter nichtkommerziellem Aspekt ein
N i s c h w i t z. Im Schloss Nischwitz residierte am Samstag die Sonnenkönigin. Die IG Sonnen- ball inszenierte unter Mitwirkung von rund 100 Gästen bis in die frühen Morgenstunden vor perfekter Kulisse ein heiteres Fest, das im ehemaligen Anwesen des Grafen von Brühl wieder etwas von barockem Lebensgefühl aufkommen ließ.
"Reißen sie mir nicht meine Müllsäcke runter", wies eine junge Dame diskret einen Herrn zurecht, der sich neben ihr durch eine Tür schieben wollte. Sie meinte, ihre Hüftpolster; im barocken Aufputz der Weiblichkeit ein absolutes Muss. Die Architekturstudentin Katrin Hubain hatte sich bis zur letzten Minute bei der Schlossdekoration aufgehalten und keine Zeit mehr, zu Hause dramatische Gewandung abzufassen. Also griff sie zu einer erfrischenden Improvisation, bei der ein Popelinemantel in violett, mutige Raffungen und frisch gepflückte Rosen die Hauptrolle spielten. Eine Naunhoferin, die beim Kostümverleih leer ausging, hatte sich in ein langes, Empirekleid aus amerikanischer Fallschirmseide geworfen, seinerzeit das Brautkleid ihrer Mutter. Die Mehrzahl der Ballgäste allerdings wollte es ganz genau wissen und kostete das Gefühl aus, mit wallend-abstandsgebietenden Röcken über Schlosstreppen zu schreiten oder unter einer weißen Puderperücke ein ganz anderer zu sein.
"Man kann so ein Stück vom Lebensgefühl vergangener Jahrhunderte einfangen", fand Irena Heinrich aus Gerichshain, im richtigen Leben Kauffrau für Bürokommunikation. Das Fest ist eine gute Idee. Wir haben sonst wenig Zeit, etwas zu unternehmen", erzählte Kai Günther aus Thallwitz, der sich im Kostümverleih in Bad Düben einen Kragen wie ein Mühlstein und einen steifen Hut verpassen ließ. Seine zierliche Ehefrau Oxana musste schon lange suchen, ehe sie das passende Rokokokleid in mädchenhaftem Rosa gefunden hatte. Toll, dass der Besitzer das Schloss zum Feiern zur Verfügung gestellt hat", freute sich Barbara Geißler aus Naunhof. Sie bedauerte allerdings, dass sich nicht mehr Ballgäste auf die Zeitreise vor stilechter Kulisse eingelassen hatten.
Minimalbudget für die Dekoration
Michael Jalinski, Spiritus Rector der IG Sonnenball, erfüllt sich mit den aufwendigen Inszenierungen vor perfekter Kulisse ein Stück vom Traum, ,,einmal in einem Schloss zu leben". Die acht Drahtzieher der Interessengemeinschaft mussten allerhand an Ideen, Zeit und Einsatz investieren, ehe sich das Schloss mitten in der Sanierung festfein präsentierte. Unter dem Stichwort ,,Dekoration" war nur ein Minimalbudget vorgesehen, das über weite Strecken für Kabel, Nägel und andere Unentbehrlichkeiten von Baumarkt draufging. So keulten die jungen Leute nach Heidelberg, weil dort im Internet billig Seidentapeten inseriert wurden. Sie ließen die Festbesucher völlig vergessen, dass sich gerade das Erdgeschoss momentan schlichtweg trostlos ausnimmt. Mit Tüchern verhüllte Sitzmöbel, in denen sich die Ballgäste elegant mit ihren Sektgläsern niederließen, stammten von einer Haushaltsauflösung und waren in Windeseile von Leipzig nach Nischwitz gebeamt worden.
"Das war alles wahnsinniger Stress. Die vergangenen zwei Wochen hatten wir manchmal bis nach Mitternacht zu tun", blickt die Sonnenkönigin alias Beate Furcht zurück. Die Leipziger Musical-Studentin sammelt seit sechs Jahren Kostümfest-Erfahrungen und konnte dabei schon viel von dem umsetzen, was im Studium nicht auf der Tagesordnung steht. Dies mal hatte sie mit ihren Mitstreitern ein ,,Feuerrequiem" einstudiert, mitternächtliches Tanzspektakel zur Huldigung der vier Elemente. "Das funktioniert alles nur mit viel Idealismus. Ich finde es toll, dass uns so viele unterstützen, ohne dafür Geld zu nehmen", bedankt sie sich bei den guten Geistern im Hintergrund. Auch Markus Flüshöh, als Rittmeister eingeführt und im richtigen Leben Azubi bei der Lufthansa, findet es großartig, dass unter den Organisatoren der "nicht kommerzielle Aspekt" entscheidend ist, auch wenn es schwer sei, dafür Gleichgesinnte zu finden. Er hat sich wochenlang damit herumgeschlagen dass auch die große Speisetafel im Wettstreit um barocke Sinnenfreuden mithalten kann. Caterer gebe es jede Menge, aber eine Firma zu finden, die von 17 Uhr bis Mitternacht feine Patisserie und später Kaltes und Warmes am Büfett, Suppen, Deftiges vom Grill und die passenden Getränke zu christlichen Preisen bereit hält, sei schwer zu finden. Immerhin war der Kartenpreis von 80 Mark inklusive Essen und Trinken wirklich so knapp kalkuliert, dass die acht aktiven Schlösserfans der Sonnenball IG trotz des schönen Abends sicher sind, dass sie noch draufzahlen müssen.
Delikates auf der Speisetafel
Dabei ließ die Zeitreise im Nischwitzer Schloss nur Wünsche an Petrus' Adresse offen. Selbst die unsäglichen Toiletten waren - verkleidet mit roten Tüchern und in theatralisches Rot getaucht - nicht wiederzuerkennen, Düstre Wolken brauten sich über dem Park zusammen, als die vier studentischen Akteure der "Bühne Hannelore" mit einem burlesken Possenspiel in Erinnerung riefen, dass man im Barock nicht allzu zimperlich war. Mozart-Klänge des Heinichen-Ensembles perlten dann durch den festlich präparierten Salon, statt sich unter freiem Himmel aufzulösen. Glücklicherweise konnte man sich wieder draußen auf die große Speisetafel konzentrieren und ein ausgesprochen delikates Arrangement durchprobieren.
Höfische Tänze zum Mitmachen
Überflüssige Kalorien wurden die Ballgäste auf dem Parkett wieder los, als das Sonnenballett zu "anmutigen Dansereien" animierte und das Publikum mit der korrekten Ausführung höfischer Tänze auf Trab brachte. "Man soll es genießen können das geht erst nach ein paar Wiederholungen", wusste der Tanzmeister. Recht hatte er. Die Ballgaste freilich stellten in der Mehrzahl erstaunliches Stehvermögen unter Beweis und hielten durch. Fazit: Ein überaus heiterer Abend, der beim Publikum ermutigend gut ankam.
Ingrid Leps (Leipziger Volkszeitung / Muldentalzeitung, 24. Juli 2000)
Im Nischwitzer Schloss lud die IG Sonnenball zu einem gelungenen Kostümfest unter nichtkommerziellem Aspekt ein
N i s c h w i t z. Im Schloss Nischwitz residierte am Samstag die Sonnenkönigin. Die IG Sonnen- ball inszenierte unter Mitwirkung von rund 100 Gästen bis in die frühen Morgenstunden vor perfekter Kulisse ein heiteres Fest, das im ehemaligen Anwesen des Grafen von Brühl wieder etwas von barockem Lebensgefühl aufkommen ließ.
"Reißen sie mir nicht meine Müllsäcke runter", wies eine junge Dame diskret einen Herrn zurecht, der sich neben ihr durch eine Tür schieben wollte. Sie meinte, ihre Hüftpolster; im barocken Aufputz der Weiblichkeit ein absolutes Muss. Die Architekturstudentin Katrin Hubain hatte sich bis zur letzten Minute bei der Schlossdekoration aufgehalten und keine Zeit mehr, zu Hause dramatische Gewandung abzufassen. Also griff sie zu einer erfrischenden Improvisation, bei der ein Popelinemantel in violett, mutige Raffungen und frisch gepflückte Rosen die Hauptrolle spielten. Eine Naunhoferin, die beim Kostümverleih leer ausging, hatte sich in ein langes, Empirekleid aus amerikanischer Fallschirmseide geworfen, seinerzeit das Brautkleid ihrer Mutter. Die Mehrzahl der Ballgäste allerdings wollte es ganz genau wissen und kostete das Gefühl aus, mit wallend-abstandsgebietenden Röcken über Schlosstreppen zu schreiten oder unter einer weißen Puderperücke ein ganz anderer zu sein.
"Man kann so ein Stück vom Lebensgefühl vergangener Jahrhunderte einfangen", fand Irena Heinrich aus Gerichshain, im richtigen Leben Kauffrau für Bürokommunikation. Das Fest ist eine gute Idee. Wir haben sonst wenig Zeit, etwas zu unternehmen", erzählte Kai Günther aus Thallwitz, der sich im Kostümverleih in Bad Düben einen Kragen wie ein Mühlstein und einen steifen Hut verpassen ließ. Seine zierliche Ehefrau Oxana musste schon lange suchen, ehe sie das passende Rokokokleid in mädchenhaftem Rosa gefunden hatte. Toll, dass der Besitzer das Schloss zum Feiern zur Verfügung gestellt hat", freute sich Barbara Geißler aus Naunhof. Sie bedauerte allerdings, dass sich nicht mehr Ballgäste auf die Zeitreise vor stilechter Kulisse eingelassen hatten.
Minimalbudget für die Dekoration
Michael Jalinski, Spiritus Rector der IG Sonnenball, erfüllt sich mit den aufwendigen Inszenierungen vor perfekter Kulisse ein Stück vom Traum, ,,einmal in einem Schloss zu leben". Die acht Drahtzieher der Interessengemeinschaft mussten allerhand an Ideen, Zeit und Einsatz investieren, ehe sich das Schloss mitten in der Sanierung festfein präsentierte. Unter dem Stichwort ,,Dekoration" war nur ein Minimalbudget vorgesehen, das über weite Strecken für Kabel, Nägel und andere Unentbehrlichkeiten von Baumarkt draufging. So keulten die jungen Leute nach Heidelberg, weil dort im Internet billig Seidentapeten inseriert wurden. Sie ließen die Festbesucher völlig vergessen, dass sich gerade das Erdgeschoss momentan schlichtweg trostlos ausnimmt. Mit Tüchern verhüllte Sitzmöbel, in denen sich die Ballgäste elegant mit ihren Sektgläsern niederließen, stammten von einer Haushaltsauflösung und waren in Windeseile von Leipzig nach Nischwitz gebeamt worden.
"Das war alles wahnsinniger Stress. Die vergangenen zwei Wochen hatten wir manchmal bis nach Mitternacht zu tun", blickt die Sonnenkönigin alias Beate Furcht zurück. Die Leipziger Musical-Studentin sammelt seit sechs Jahren Kostümfest-Erfahrungen und konnte dabei schon viel von dem umsetzen, was im Studium nicht auf der Tagesordnung steht. Dies mal hatte sie mit ihren Mitstreitern ein ,,Feuerrequiem" einstudiert, mitternächtliches Tanzspektakel zur Huldigung der vier Elemente. "Das funktioniert alles nur mit viel Idealismus. Ich finde es toll, dass uns so viele unterstützen, ohne dafür Geld zu nehmen", bedankt sie sich bei den guten Geistern im Hintergrund. Auch Markus Flüshöh, als Rittmeister eingeführt und im richtigen Leben Azubi bei der Lufthansa, findet es großartig, dass unter den Organisatoren der "nicht kommerzielle Aspekt" entscheidend ist, auch wenn es schwer sei, dafür Gleichgesinnte zu finden. Er hat sich wochenlang damit herumgeschlagen dass auch die große Speisetafel im Wettstreit um barocke Sinnenfreuden mithalten kann. Caterer gebe es jede Menge, aber eine Firma zu finden, die von 17 Uhr bis Mitternacht feine Patisserie und später Kaltes und Warmes am Büfett, Suppen, Deftiges vom Grill und die passenden Getränke zu christlichen Preisen bereit hält, sei schwer zu finden. Immerhin war der Kartenpreis von 80 Mark inklusive Essen und Trinken wirklich so knapp kalkuliert, dass die acht aktiven Schlösserfans der Sonnenball IG trotz des schönen Abends sicher sind, dass sie noch draufzahlen müssen.
Delikates auf der Speisetafel
Dabei ließ die Zeitreise im Nischwitzer Schloss nur Wünsche an Petrus' Adresse offen. Selbst die unsäglichen Toiletten waren - verkleidet mit roten Tüchern und in theatralisches Rot getaucht - nicht wiederzuerkennen, Düstre Wolken brauten sich über dem Park zusammen, als die vier studentischen Akteure der "Bühne Hannelore" mit einem burlesken Possenspiel in Erinnerung riefen, dass man im Barock nicht allzu zimperlich war. Mozart-Klänge des Heinichen-Ensembles perlten dann durch den festlich präparierten Salon, statt sich unter freiem Himmel aufzulösen. Glücklicherweise konnte man sich wieder draußen auf die große Speisetafel konzentrieren und ein ausgesprochen delikates Arrangement durchprobieren.
Höfische Tänze zum Mitmachen
Überflüssige Kalorien wurden die Ballgäste auf dem Parkett wieder los, als das Sonnenballett zu "anmutigen Dansereien" animierte und das Publikum mit der korrekten Ausführung höfischer Tänze auf Trab brachte. "Man soll es genießen können das geht erst nach ein paar Wiederholungen", wusste der Tanzmeister. Recht hatte er. Die Ballgaste freilich stellten in der Mehrzahl erstaunliches Stehvermögen unter Beweis und hielten durch. Fazit: Ein überaus heiterer Abend, der beim Publikum ermutigend gut ankam.
Ingrid Leps (Leipziger Volkszeitung / Muldentalzeitung, 24. Juli 2000)
