Madame, fahren Sie bitte fort, mir gnädig zu sein.
manchmal glaubte ich inmitten des Alltags der ständigen Pflichten bei Marquise de Duffont und ihrer Frau Mutter, etwas gar Schönes, Wunderbares, Herrliches und Märchenhaftes geträumt zu haben. Wie oft aber warf ich mir solche Schwärmerei vor! Wie Sie wissen, wie Sie auch meine Leidenschaft kennen, war ich auf dem Ball zu Nischwitz am 22.7.2006 zugegen. Um der Irritation Ihrerseits zuvor zu kommen, ich war in Begleitung des Kavaliers Broye, den Sie vom Souper bei Madame Seeglé her kennen. Kavalier Broye hätte seine Proben bestanden, wie Sie mir versicherten. Seien Sie weiterhin gewiss, dass er mir auf dem letzten Ball nicht den geringsten Anlass gegeben hatte, mich etwa zu beunruhigen oder gar zu bedrängen. Nicht ein Wort war ihm entschlüpft, das auch nur entfernt einer Versuchung geähnelt hätte.
Madame, fahren Sie bitte fort, mir gnädig zu sein, indem Sie mir Ihr Gehör schenken! Sind Sie bereit, mit mir eine ganze Stunde lang über das wahre Wunder zu Nischwitz zu plaudern?
An diesem Tag hatte meine Zofe darauf bestanden, mehr Puder als sonst anzuwenden, wobei ich aber dagegen mit einigen Beteuerungen aufbegehrte, ich könnte daran ersticken. Als sie daraufhin das Fenster weit öffnete, wehte mir die heiße Luft entgegen und ich erschrak aufrichtig über solch ungewöhnliche Hitze. Ich gab nun nach! Welch eine Unmenge an Puder wirbelte um mich auf! Die gute Zofe war so versessen darauf, mich auf dem Ball bis zum Schluss rein und frisch wie eine Porcellainpuppe aussehen zu lassen!
Wie dem auch sei, so ließen mein Begleiter und ich uns bis vor das Schloss kutschieren. Man erkannte und grüßte uns. Sie kennen die Gepflogenheiten am Hofe, ein langes Patroullieren nebst respektierlichen Aufwartungen. Dabei lieben wir das Schloss für seine dicken Gemäuer, die uns vor solcher Hitze retteten. Die Gäste wandelten ganz ohne Gedränge in den hübschen Gemächern, in die liebliche Arien und Lautenmusik aus dem großen Treppenhause herüber klangen. Alles war herrlich möbliert, alles prächtig! Die erlesenen Gemälde vollendeten die Schönheit. Die Sonne schien wunderbar hinein. Im Jagdsaal entdeckten wir vor allem ein Buffet de la Jardin, wo ein zierlicher, gläserner Brunnen sprudelte und viele kleine Blumenrabatten rundherum das Herz erfreuten. Eine schöne Dame rief bei diesem Anblick aus, Ah! Es ist ganz sicher von Vatel, dem Haushofmeister des Condé! Man plauderte, lachte und erkundigte sich nach dem Befinden, wobei ich mit vielen Liebenswürdigkeiten überhäuft wurde. Sie wissen ja wie es ist, wenn man im Vorbeigehen mit jedem ein paar Worte wechselt. Die Gräfin von Noyel kam direkt auf mich zu und erzählte mir von ihrer ausgedehnten Reise nach Vienne so lange, bis eine Dame uns mit ihrer prächtigen Galarobe streifte, wobei sie uns abertausendmal um Entschuldigung bat. Welch ein angenehmes Beleben, das die erlesenen Leute verursachten!
Als wir uns später unten im Gartensaal befanden, betrachteten wir immer wieder das Wandgemälde, dessen Anblick uns auf gewisse Weise erfrischte: Andromeda sitzt an einen Felsen gefesselt, während die kühlen Wellen des Meeres so zart ihre Füße berühren. Unser tapferer Tréville möge sich doch mit seinem geflügelten Pferd nicht beeilen, sie ihrem so angenehmen, kühlen Platz zu entreißen! Die Gesandtin von Parma, die Sie verehrt und Ihnen beste Empfehlung erbietet, bemerkte seufzend: „Ah! Wäre ich Andromeda selbst, würde ich der Hitze wegen unseren Helden anflehen, mich doch erst ein wenig später zu befreien!“.
Nach einer Weile nahmen wir uns den Mut, hinaus in den Park zu gehen. Sie kennen die Weite des Parks, dessen Schönheit mich immer wieder neu bezaubert. Ich glaube, auch Sie wären davon überrascht, mehr noch als Sie ihn das erste Mal sahen. Die Wiese hatte die Farbe durch die Kraft der so unbarmherzigen Sonne gewechselt, vielleicht auch, um dem Namen unseres Balles gerecht zu werden! Sie war golden anstatt grün, von einigen Goldtönen, die der große Watteau selbst hätte gemischt haben können. Ich fände sie durchaus reizend, möchte ich Ihnen versichern. Die Bäume sahen erstaunlicherweise frisch aus. Im Hintergrund des Parks bot sich das schöne Bild der Flusslandschaft von der Mulde. Zwei Teehäuser, durch eine lange Balustrade miteinander verbunden, verliehen dem gesamten Bild eine harmonische Vollkommenheit, wobei ich beschloss, nicht aufzuhören, das gelungene Gesamtwerk von Natur und Kunst zu loben. Die Hofgesellschaft verteilte sich angenehm, nahm Spaziergänge durch die gewundenen Alleen, die viel Schatten spendeten, und erfrischte sich mit Getränken, die wie aus einem Brunnen sprudelten. Nicht zuletzt konnten etliche süße Backwerke den Sieg über die strenge Moral vieler Korsett tragender Damen davontragen – ich muss zugeben, dass auch ich der Schwäche nachgegeben habe.
Wie aus dem Himmel schwebend erschien unser Zeremonienmeister in Begleitung der sanften Musik und verkündete eine Eröffnungszeremonie, der wir unbedingt beiwohnen wollten. So feierlich, festlich und traditionell wurde das Zeremoniell vollbracht, wobei wir uns an einer anmutig aussehenden Tanzgesellschaft erfreuten. Wundervoll tanzte sie – wir konnten sie nicht genug bewundern! Welch eine Harmonie von Musik und Tanz, kein Wunsch blieb offen. Zu unserem Bedauern nahm dieses Schauspiel zunächst ein Ende. Es tröstete uns jedoch, dass der Zeremonienmeister die Aufführung der Oper „Herkules auf dem Scheideweg“ auf der Magnolienwiese verkündete. Gott behüte, wenn wir voraus an ein Ende der Oper gedacht hätten. So nahm die Gesellschaft den Weg zur Wiese. An dieser Stelle möchte ich Sie sehr bedauern, weil Sie sich des Bildes eines prächtigen Pilgerzuges zwischen den hohen, alten Bäumen, die einige Sonnenstrahlen hindurch ließen, nicht leibhaftig erfreuen konnten. Ich genoss diesen Augenblick sehr. Hätte sich mein Maler in meiner Gesellschaft befunden, hätte ich ihm gleich einen Auftrag geben mögen, dieses Bild auf der Leinwand festzuhalten.
Im Nu entdeckten wir auf der halbschattigen Wiese ein wie für die Götter gebautes Theater mit azurblauem Himmel, einigen Säulen und Statuen. So wurde die Szene zwischen Herkules, Wollust und Tugend gespielt - die letztere vor allem ließ uns aber erröten. Staunen Sie? Ach, wenn Sie nur diese Tugend, deren Antlitz uns den Argwohn einflößte, gesehen hätten, würden Sie sich gleich meiner Meinung anschließen, der Wollust mehr Chancen für Herkules zu geben! Gräfin de Montau hatte Ihnen einige Arien des Leipziger Cantors Bach geschickt. Hatten Sie wenigstens das Vergnügen, sie zu singen? Man könnte überall singen – die Versuchung ist fürwahr groß! Kurz und gut: Die Oper war so rein, schlicht und edel zugleich, dass wir uns der Tränen der Rührung nicht enthalten konnte.
Nach einer Weile zog uns der Zeremonienmeister in den Bann, indem er die Prämien der Lose zugunsten der hilfsbedürftigen Menschen bekannt gab, die in dem so fernen afrikanischen Kontinent leben, wo Armut und Hunger herrschen, was man sich hier kaum vorzustellen vermag. Sie ersehen daraus, der ganze Hof hatte also die Absicht, Gutes zu tun und Caritas Tribut zu zollen. Kurz danach erfuhr ich, dass ein beträchtliche Summe Dukaten durch den Erwerb der Lose in den Säckel der Armen geflossen waren.
Gnädige Madame, kaum hatten wir uns zur Ruhe zurückgezogen, erläuterte man feierlich, dass das Buffet eröffnet sei. Stellen Sie sich vor, was hatten wir entdeckt? Es machte uns sprachlos. Das Buffet erstreckte sich an der gesamten Fassade des Schlosses, während die vergoldeten Pavillons als Schutz vor der Sonne dienten. Der reizende Ritterturm, die Pyramide und der Venuspavillon, etwa zwei Fuß hoch, sowie einige Hügel mit den Bäumen im Topf verzierten das Buffet. Und was die Speisen betraf, so kam es uns wie ein Traum vor! Es duftete ganz köstlich! Vielleicht sollte ich Ihnen doch lieber nicht alles aufzählen, was sich uns auf dem Tisch anbot. Reich an gebratenen Fischen, Fleisch, Geflügel, Gemüse, Salaten, Obst und Nachspeisen. Ich dachte dabei an den heißen Kampf von uns Frauen, die wie immer vom Korsett eingezwängt waren, aber beim Anblick solcher reichen Gaben mussten wir uns ihnen gleich ergeben.
Als wir uns von dem königlichen Dinner erholten, fingen die Laternen rings um die Tanzfläche zu flackern an. Die Sonne zog sich hinter den Bäumen zurück, als das sich der Abend also zu unserem Erstaunen breitmachte. Wie schnell konnten die Stunden nur vergehen!
Unser Zeremonienmeister bat uns wieder um die Gunst, ihm die Aufmerksamkeit zu schenken, und verkündete nun den großen Hofball. Fürwahr, Madame, welch eine Botschaft für alle, die den Tanz nicht missen mochten! Die Musik eines Menuetts entführte uns in die Welt des Tanzes. Augenblicklich kamen wir gleichzeitig auf das polierte Tanzparkett und fingen an zu tanzen, solange uns die schwindende Kraft nicht im Stich ließ. Das Licht der wunderbaren Laternen verlieh dem Bild der tanzenden Gesellschaft einen aussergewöhnlichen Glanz. Brillanten, Geschmeide und Perlen glitzerten inmitten der tanzenden Schar – sie stahlen den natürlichen Sternen am Himmel die Schau. Das Schloss erstrahlte als Kulisse. Tausende Lichter waren überall angezündet. Wie oft hatten wir das Verlangen, es zu bewundern und uns den Träumen hinzugeben! Mein Kavalier war so kühn, mir ins Ohr zu flüstern, dass wir uns ja in einem elysischen Gefilde befänden. Uns tat es wohl. Wir hatten dadurch Lust, mit Gräfin de Montau und ihrem Ehemann gemeinsam in einer offenen Kutsche durch den Park spazieren zu fahren. Es war dann eine schöne Fahrt, die wir nicht vergessen werden.
Schon wieder folgte der nächste Höhepunkt: Ein allzu prächtiges Boot schwebte durch die Menge herbei, von Satyrn, Nymphen und Mänaden gezogen, die Dienerschaft des Gottes des Weines und des Theaters. Der große Dionysos war es, der uns einlud, ihm bei seiner Reise durch den Park zu folgen. Welch eine Aufforderung, mit der er uns beehrte! Wissen Sie, Dionysos verstand den Zauber, uns alle mit seiner Lebensfreude und Spontaneität anzustecken – wir fühlten uns wie neu geboren. Wir waren allzu bereit. So war es eine wundervolle, wundersame und nachdenkliche Reise durch die Nacht, wobei wir uns einige Schauspiele im Park ansahen. Ich möchte Ihnen gestehen, dass die jungen Schauspieler dazu wie geschaffen schienen. Wir bewunderten ihr Können vollends! Am Ende der langen Reise überraschte uns dann ein grandioses Feuerwerk mit vortrefflicher Musik, das fast eine halbe Stunde andauerte. Die Farbenpracht am dunklen Himmel ließ uns immer wieder erstaunen. Alles gelang zum Besten!
Gnädige Madame, vielleicht wissen Sie, was es heißt, aus allen Wolken zu fallen. Es ereignete sich kurz nach dem großen Schauspiel des Feuerwerkes. Welch eine Tragödie! Welch ein Schock! Vielleicht muss ich Sie bedauern, weil Sie mir versichert hatten, dass Sie beim nächsten Mal auch mit uns auf dem Ball zugegen sein würden. Sind Sie erstaunt darüber? Unser Zeremonienmeister verlas zum Schluss eine Botschaft, dass der Sonnenball auf Schloss Nischwitz nun das endgültige Ende gefunden hätte. Der Hof nahm die Nachricht mit großer Trauer und äusserer Standhaftigkeit zugleich entgegen. Wie ich aber erlebte, einige von uns, dem Temperament entsprechend, jammerten und wehklagten sehr. Was mir nicht zuletzt auffiel, so waren einige auch im Nu wie erstarrt, die vorhin die wahre Lebensfreude versprüht hatten! Ratlos, verständnislos und seufzend zog man sich zurück.
Madame, was mich selbst betrifft, so bleiben mir als alleiniger Trost die Erinnerungen an die wunderbaren Bälle der letzten 7 Jahre, die wir gemeinsam erlebten. Wie könnte ich aber, ohne traurig zu werden, Schloss Nischwitz mit seinen Teehäusern und Alleen wieder sehen. So manche Erinnerung bleibt gar frisch und lebendig und andere wieder gehen mir so zu Herzen, dass ich sie nur schwer ertragen mag.
Adieu, Madame, ich fürchte, der allzu lange Brief ermüdet Sie. Hoffentlich erkennen Sie aber den Herzensgrund, der mich veranlasste, ihn zu schreiben.
Ich teile die Empfindungen, die mich an Sie fesseln, und bitte diese Versicherung mit Güte entgegen zu nehmen.
Madame de Rouville
(Text: Thomas Mauersberger)
