Erinnern Sie sich des Gemäldes von L. de Reyné..?
Fürwahr bin ich Ihnen, teure Marquise, tiefen Dank schuldig und gebe Ihnen diesen mit dem größten Vergnügen. Wissen Sie, Madame Bouviller hatte die Ehre, mich kurz nach dem Souper aufzusuchen und Ihre Empfehlung zu erbieten. Wie oft musste sie mir ein Bild davon machen, daß es ein Gnadenbeweis war, als Ihre Gesellschaft sich meiner Person gedachte, meine Abwesenheit beklagte und sich meines Unwohlseins wegen sorgte. Was meine Gesundheit, die Sie an mir stets bewunderten, betrifft, so ist diese doch durch einige Turbulenzen angegriffen worden. Seien Sie aber versichert, dass ich, um dem Übel abzuhelfen, nun der Landluft den Vorzug gegeben habe. Sie wird mich sicher binnen kurzer Zeit wieder herstellen. Würden Sie sich meiner Zuversicht nicht anschließen?
Liebe Marquise, dabei möchte ich die Gelegenheit nicht hinaus zögern, Ihnen endlich den Bericht über das wahrhaftige Feuerwerk der Szenerie auf Schloss Nischwitz abzustatten, welcher Ihnen gewiß ebenso gut gefallen wird wie den anderen, die des Vergnügens, sich dort einzufinden, beraubt waren. Als der 5. Sonnenball am 24. Juli 2004 am Nachmittage begann, ließen Baron zu Kallet und ich uns von unserem Quartier aus mit den Sänften zum Schloss tragen. Sie sehen, in solch großer Aufmachung, fast hätte sie uns erdrückt, konnten wir nicht durch die Gegend des Dorfes zu Fuße gehen. Das Volk hätten uns doch nur angestarrt. Vielleicht hätten sie gar Verdacht geschöpft, wir wären der Graf Stanville und seine Gemahlin selbst, was uns durch das Mißgeschick in der Angelegenheit ihrer Tochter über unsere hohe Geburt hätte erröten lassen. Nicht auszudenken, was dann passiert wäre!
Im Schlosse schienen uns alle Gäste wunderbar wie aus einem Gemälde entsprungen zu sein. Erinnern Sie sich des Gemäldes von L. de Reyné, das eine große Zusammenkunft der kurfürstlichen Familie auf Schloss zu Neuhaus präsentiert? Welch eine prächtige Fülle, welch Kühnheit an Phantasie der Galaroben! Eine Festlichkeit, die uns angenehm anhauchte! Die Baronin Delany in Begleitung ihres Gemahls, einiger Damen und Herren sowie ein kleiner Abbé, der sich der Anhänglichkeit einer bezaubernden indischen Prinzessin rühmte, bildeten den durchaus glänzenden Mittelpunkt. Während alles, was es an Hofdamen und Kavalieren gab, sich wohl gestimmt und feierlich zugleich in den sonnendurchfluteten, herrlich geschmückten Sälen verteilte. Sie können sich vorstellen, welche Feierlichkeit und Pracht es dem Hofe verlieh!
Daraufhin verkündete man uns, daß die Kammeroper Die Verlassene Zauberin an den Teehäusern bald beginnen würde, die man einfach nicht versäumen solle. Doch fragen Sie ruhig, was wir dann alles erlebten! Welch eine Kulisse, die sich zwischen den hübschen Teehäusern bot: Eine Aussicht auf die unschuldige Natur, die auf uns so beruhigend wirkte, und ein phantastisches Bühnenbild, das sich herrlich mit der Natur kombinieren ließ. Die Oper selbst war eine Überraschung für uns alle. Man war gerührt, ergriffen und zuletzt glücklich. Sagen Sie, haben Sie denn je erlebt, wie sich die Arien der großen Meister Händel, Telemann, Vivaldi und Bach in einer einzigen Oper vorzüglich aneinander reihen können? Es gelang ganz vortrefflich – das Zusammenspiel von Musik, Sängern, Orchester und Sprecher war ein berauschender Erfolg!
Marquise, was gibt es nicht alles zu berichten! Seien Sie gewiss, daß ich mich bei diesem Brief bemühe, die Einzelheiten, die Sie fesseln mögen, genau und in Reihenfolge zu berichten.
Die feierliche Eröffnungszeremonie wurde dann ausgerufen, wobei wir uns um die große Tanzfläche vor dem Schlosse scharten. Man staunte, wie dann die Sonne, die Schutzgöttin des Balles, immer mehr Herrin über die Wolken wurde, was beinah an ein Wunder grenzte! Wissen Sie, bis kurz vor Beginn des Festes herrschte doch große Hoffnungslosigkeit, und der Regen hinterließ im Garten seine Spuren. Den Einzug hielt dann der Hofstaat feierlich, von sanften Klängen begleitet. Die wahre Tradition, die wir nicht vermissen möchten, kam nun zur vollen Entfaltung. Monsieur de Rombouillet, Madame Mouloize, Frau von Dufree und ihr ganzes Gefolge, das auch in Brokat, Seiden und Spitzen gekleidet war, schwebten an uns entlang hinauf zur Bühne und eröffneten mit dem Menuett das Fest ganz offiziell. Hübsch, wie das güldene, zentrale Podest sie am Ende förmlich zur Sonne empor hob.
Nach dem Einzug begann ein fröhliches Gesellschaftsspiel - Duell der Kavaliere - welches für eine willkommene Abwechslung sorgte. Ein buntes Wagenrennen mit allerlei Hindernisssen. Pikant, wie sich die Herren mit ihren roten Schürzen abmühen mußten und die Damen auf dem eigenartigen Gefährt saßen – mit schräg gehaltenem Kopf, damit ihr Kopfputz keinen erheblichen Schaden nehme! Denn diese Kutschen, wenn man die Gefährte so bezeichnen will, waren überaus verziert und für unsere hochgewachsenen, modernen Damen recht eng gehalten. Von allen Seiten hallte es amüsiertes Gelächter durch den Ehrenhof. Der Sieger wurde schnell gefunden und mit einem überaus wertvollen Pokal geehrt.
Vielleicht werden Sie, gnädige Marquise, über die Szenerien, die uns unwiderruflich in den Bann zogen, erröten. Denken Sie jedoch, daß wir uns all den Vergnügungen mit ungebremster Leidenschaft hingegeben hätten? Gott behüte! Um den Vorurteilen, die Sie herauf beschwören mögen, zuvorzukommen, möchte ich Ihnen einen Grund nennen, uns gnädig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen:
Gleich nach diesem heiterem Spiel erinnerte sich Herr Woroncyz lautstark unserer Tugend, deren Größe ihn einmal zu Tränen rührten. Der Herr rief also unsere Güte, die wir besitzen und lieben, an, und bat um finanzielle Unterstützung für die armen Menschen in Abessinien. Dabei wurde die Auktion zugunsten der Stiftung „Menschen für Menschen“ zum wichtigen Teil des Festes. Erlesene Gegenstände wurden dafür versteigert, deren Erlös nun für die hilfsbedürftigen Menschen gesichert ist. Aus diesen Zeilen ersehen Sie, unsere Wohltat wird dazu beitragen, unsere Wonnen in Ihren Augen zu rechtfertigen. (Ein Monsieur, ob seiner Nächstenliebe bekannt, fügte dann sogar einige Stunden später seine Hilfe der unsrigen bei, was erneut Dankeshymnen und Bewunderung auslöste!)
Zu Recht alarmierte uns dann der Hunger und rief uns zum fürstlichen Buffet unter den Dächern der weißen Pavillons, die sich entlang der gartenseitigen Fassade des Schlosses erstreckten. Ein Anblick, der uns schwach machte! Welch eine Verführung für uns Frauen, so im Korsett eingezwängt! Die Herren, wie beneidenswert, hatten ja mehr Freiheit. Ach, die Tafel machte mit ihrer äußerst erlesenen Auswahl an allerlei Speisen der Künste der Meisterköche alle Ehre, die auch dem Geist des armen Vatel, dem Haushofmeister des Prinzen Condé, galt! Man wurde beim Verzehr der Köstlichkeiten überaus satt, glücklich und zufrieden! Was die Getränke betraf, so waren die Augen Bacchus` wirklich wachsam, Sekt, Wein, Bier, Wasser und Obstsäfte wie aus einem nicht versanden wollenden Brunnen hervorsprudeln zu lassen.
Wie könnte ich dem genüge werden, Ihnen zu erklären, was man unter dem wohl gar trivial anmutendem Wort Tanz versteht! Denn dieser, Sie wissen ja nur zu gut wovon ich spreche, ist doch die heiterste Unternehmung der Welt. Wer auch nur einmal in den Armen eines Edelmannes über den Tanzboden schwebte, muß dem doch zustimmen. Und so waren auch fast alle mit einem Schlag ganz vergnügt auf der großen Tanzfläche, umsäumt von den schönen Messinglaternen, und folgten aufmerksam den Erläuterungen der Tanzmeisterin. Wie dann die Tänze vom Sonnenballett galant vorgetragen wurden, war die Menge nicht mehr zu halten. Was mir so gefiel, ist, daß die Musik des Menuetts uns allen gleichzeitig die Versuchung entlockte. Ein Zucken in den Füßen, eine leichte Bewegung der Schultern, ein andeutende Geste der Hand… Unzählige Sterne erleuchteten, die Messinglaternen erhellten den ganzen Ball und die Juwelen glitzerten auf der blassen Haut der Schönen – was für ein Bild!
Mein Begleiter und ich waren ganz verzaubert während wir in der offenen Kutsche im Park spazieren fuhren und uns dabei solchen elysischen Schauspiels erfreuten. Was uns dann im äußeren, dunklen Park überraschte, waren ein paar ellenlange, frei schwebende Flächen aus nichts als Licht, die wie übernatürlich von allein hell erleuchteten. Plötzlich entdeckten wir dicht dabei einen Würfelpavillon, der ebenfalls an allen Flächen und Kanten schneeweiß erstrahlte. Alles ließ unsere armen Herzen höher schlagen – mein Begleiter forderte mich sogar auf, uns in die weiße Höhle hinein zu begeben. Was wir darin entdeckten, war indes nichts als dichter Nebel, in dem wir nicht einmal unsere eigenen Füße sehen konnten. Ich befürchte, ich erbebte spürbar!
Später erregte plötzlich ein mächtiger, farbiger Rauch, kommend von einer Bühne, die sich etwas seitlich im Garten befand, unsere Neugier. Es begann nun die nächtliche Tragödie um Arcadia, einem Ort der Sehnsucht nach Harmonie zwischen Mensch und Natur, Religion und Mythos. Bei Musik wie aus anderen Sphären und viel Lichtzauber bewegten sich an die sieben Tänzer wie Marionetten, einmal schwebend, dann plötzlich rasant, was sehr effektvoll wirkte. Als ob, was da gezeigt wurde, uns in die nächsten Jahrhunderte hineinziehen sollte, worüber wir verwirrt und erstaunt zugleich waren. Am Ende dieses Stückes zauberten zwei der Mimen das herrliche Feuerwerk, das von Musik des wundervollen Lully gekrönt war, hervor! Der Himmel erstrahlte in vielen Farben und glitzerte schier endlos wie abertausend Glühwürmchen.
Teure Marquise, viele Einzelheiten sind es, die Sie sicher fesseln. Falls es Sie aber nur ermüdet hat, dann bitte ich Sie mir zu glauben, daß ich Ihnen doch mit der Genauigkeit, die der Fähigkeit eines Berichterstatters alle Ehre macht, erzählen mochte!
Mit der Gewißheit schließe ich den Brief, daß Sie die Empfindungen, die mich an Sie fesselt, teilen. Indes muß ich verzweifelt darauf bestehen, daß Sie es im nächsten Jahr ermöglichen werden, sich im Juli nach Sachsen zu begeben und mich dann zum 6. Sonnenball auf Schloß Nischwitz zu begleiten. Denn gewiß werden sich wieder unzählige Damen und Herren, der von Ihnen so geschätzten edlen Gesellschaft einfinden.
Niemand kann Ihnen aufrichtiger verbunden sein als ich.
Ganz Ihre Frau von Borsody
(Text: Thomas Mauersberger)
Liebe Marquise, dabei möchte ich die Gelegenheit nicht hinaus zögern, Ihnen endlich den Bericht über das wahrhaftige Feuerwerk der Szenerie auf Schloss Nischwitz abzustatten, welcher Ihnen gewiß ebenso gut gefallen wird wie den anderen, die des Vergnügens, sich dort einzufinden, beraubt waren. Als der 5. Sonnenball am 24. Juli 2004 am Nachmittage begann, ließen Baron zu Kallet und ich uns von unserem Quartier aus mit den Sänften zum Schloss tragen. Sie sehen, in solch großer Aufmachung, fast hätte sie uns erdrückt, konnten wir nicht durch die Gegend des Dorfes zu Fuße gehen. Das Volk hätten uns doch nur angestarrt. Vielleicht hätten sie gar Verdacht geschöpft, wir wären der Graf Stanville und seine Gemahlin selbst, was uns durch das Mißgeschick in der Angelegenheit ihrer Tochter über unsere hohe Geburt hätte erröten lassen. Nicht auszudenken, was dann passiert wäre!
Im Schlosse schienen uns alle Gäste wunderbar wie aus einem Gemälde entsprungen zu sein. Erinnern Sie sich des Gemäldes von L. de Reyné, das eine große Zusammenkunft der kurfürstlichen Familie auf Schloss zu Neuhaus präsentiert? Welch eine prächtige Fülle, welch Kühnheit an Phantasie der Galaroben! Eine Festlichkeit, die uns angenehm anhauchte! Die Baronin Delany in Begleitung ihres Gemahls, einiger Damen und Herren sowie ein kleiner Abbé, der sich der Anhänglichkeit einer bezaubernden indischen Prinzessin rühmte, bildeten den durchaus glänzenden Mittelpunkt. Während alles, was es an Hofdamen und Kavalieren gab, sich wohl gestimmt und feierlich zugleich in den sonnendurchfluteten, herrlich geschmückten Sälen verteilte. Sie können sich vorstellen, welche Feierlichkeit und Pracht es dem Hofe verlieh!
Daraufhin verkündete man uns, daß die Kammeroper Die Verlassene Zauberin an den Teehäusern bald beginnen würde, die man einfach nicht versäumen solle. Doch fragen Sie ruhig, was wir dann alles erlebten! Welch eine Kulisse, die sich zwischen den hübschen Teehäusern bot: Eine Aussicht auf die unschuldige Natur, die auf uns so beruhigend wirkte, und ein phantastisches Bühnenbild, das sich herrlich mit der Natur kombinieren ließ. Die Oper selbst war eine Überraschung für uns alle. Man war gerührt, ergriffen und zuletzt glücklich. Sagen Sie, haben Sie denn je erlebt, wie sich die Arien der großen Meister Händel, Telemann, Vivaldi und Bach in einer einzigen Oper vorzüglich aneinander reihen können? Es gelang ganz vortrefflich – das Zusammenspiel von Musik, Sängern, Orchester und Sprecher war ein berauschender Erfolg!
Marquise, was gibt es nicht alles zu berichten! Seien Sie gewiss, daß ich mich bei diesem Brief bemühe, die Einzelheiten, die Sie fesseln mögen, genau und in Reihenfolge zu berichten.
Die feierliche Eröffnungszeremonie wurde dann ausgerufen, wobei wir uns um die große Tanzfläche vor dem Schlosse scharten. Man staunte, wie dann die Sonne, die Schutzgöttin des Balles, immer mehr Herrin über die Wolken wurde, was beinah an ein Wunder grenzte! Wissen Sie, bis kurz vor Beginn des Festes herrschte doch große Hoffnungslosigkeit, und der Regen hinterließ im Garten seine Spuren. Den Einzug hielt dann der Hofstaat feierlich, von sanften Klängen begleitet. Die wahre Tradition, die wir nicht vermissen möchten, kam nun zur vollen Entfaltung. Monsieur de Rombouillet, Madame Mouloize, Frau von Dufree und ihr ganzes Gefolge, das auch in Brokat, Seiden und Spitzen gekleidet war, schwebten an uns entlang hinauf zur Bühne und eröffneten mit dem Menuett das Fest ganz offiziell. Hübsch, wie das güldene, zentrale Podest sie am Ende förmlich zur Sonne empor hob.
Nach dem Einzug begann ein fröhliches Gesellschaftsspiel - Duell der Kavaliere - welches für eine willkommene Abwechslung sorgte. Ein buntes Wagenrennen mit allerlei Hindernisssen. Pikant, wie sich die Herren mit ihren roten Schürzen abmühen mußten und die Damen auf dem eigenartigen Gefährt saßen – mit schräg gehaltenem Kopf, damit ihr Kopfputz keinen erheblichen Schaden nehme! Denn diese Kutschen, wenn man die Gefährte so bezeichnen will, waren überaus verziert und für unsere hochgewachsenen, modernen Damen recht eng gehalten. Von allen Seiten hallte es amüsiertes Gelächter durch den Ehrenhof. Der Sieger wurde schnell gefunden und mit einem überaus wertvollen Pokal geehrt.
Vielleicht werden Sie, gnädige Marquise, über die Szenerien, die uns unwiderruflich in den Bann zogen, erröten. Denken Sie jedoch, daß wir uns all den Vergnügungen mit ungebremster Leidenschaft hingegeben hätten? Gott behüte! Um den Vorurteilen, die Sie herauf beschwören mögen, zuvorzukommen, möchte ich Ihnen einen Grund nennen, uns gnädig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen:
Gleich nach diesem heiterem Spiel erinnerte sich Herr Woroncyz lautstark unserer Tugend, deren Größe ihn einmal zu Tränen rührten. Der Herr rief also unsere Güte, die wir besitzen und lieben, an, und bat um finanzielle Unterstützung für die armen Menschen in Abessinien. Dabei wurde die Auktion zugunsten der Stiftung „Menschen für Menschen“ zum wichtigen Teil des Festes. Erlesene Gegenstände wurden dafür versteigert, deren Erlös nun für die hilfsbedürftigen Menschen gesichert ist. Aus diesen Zeilen ersehen Sie, unsere Wohltat wird dazu beitragen, unsere Wonnen in Ihren Augen zu rechtfertigen. (Ein Monsieur, ob seiner Nächstenliebe bekannt, fügte dann sogar einige Stunden später seine Hilfe der unsrigen bei, was erneut Dankeshymnen und Bewunderung auslöste!)
Zu Recht alarmierte uns dann der Hunger und rief uns zum fürstlichen Buffet unter den Dächern der weißen Pavillons, die sich entlang der gartenseitigen Fassade des Schlosses erstreckten. Ein Anblick, der uns schwach machte! Welch eine Verführung für uns Frauen, so im Korsett eingezwängt! Die Herren, wie beneidenswert, hatten ja mehr Freiheit. Ach, die Tafel machte mit ihrer äußerst erlesenen Auswahl an allerlei Speisen der Künste der Meisterköche alle Ehre, die auch dem Geist des armen Vatel, dem Haushofmeister des Prinzen Condé, galt! Man wurde beim Verzehr der Köstlichkeiten überaus satt, glücklich und zufrieden! Was die Getränke betraf, so waren die Augen Bacchus` wirklich wachsam, Sekt, Wein, Bier, Wasser und Obstsäfte wie aus einem nicht versanden wollenden Brunnen hervorsprudeln zu lassen.
Wie könnte ich dem genüge werden, Ihnen zu erklären, was man unter dem wohl gar trivial anmutendem Wort Tanz versteht! Denn dieser, Sie wissen ja nur zu gut wovon ich spreche, ist doch die heiterste Unternehmung der Welt. Wer auch nur einmal in den Armen eines Edelmannes über den Tanzboden schwebte, muß dem doch zustimmen. Und so waren auch fast alle mit einem Schlag ganz vergnügt auf der großen Tanzfläche, umsäumt von den schönen Messinglaternen, und folgten aufmerksam den Erläuterungen der Tanzmeisterin. Wie dann die Tänze vom Sonnenballett galant vorgetragen wurden, war die Menge nicht mehr zu halten. Was mir so gefiel, ist, daß die Musik des Menuetts uns allen gleichzeitig die Versuchung entlockte. Ein Zucken in den Füßen, eine leichte Bewegung der Schultern, ein andeutende Geste der Hand… Unzählige Sterne erleuchteten, die Messinglaternen erhellten den ganzen Ball und die Juwelen glitzerten auf der blassen Haut der Schönen – was für ein Bild!
Mein Begleiter und ich waren ganz verzaubert während wir in der offenen Kutsche im Park spazieren fuhren und uns dabei solchen elysischen Schauspiels erfreuten. Was uns dann im äußeren, dunklen Park überraschte, waren ein paar ellenlange, frei schwebende Flächen aus nichts als Licht, die wie übernatürlich von allein hell erleuchteten. Plötzlich entdeckten wir dicht dabei einen Würfelpavillon, der ebenfalls an allen Flächen und Kanten schneeweiß erstrahlte. Alles ließ unsere armen Herzen höher schlagen – mein Begleiter forderte mich sogar auf, uns in die weiße Höhle hinein zu begeben. Was wir darin entdeckten, war indes nichts als dichter Nebel, in dem wir nicht einmal unsere eigenen Füße sehen konnten. Ich befürchte, ich erbebte spürbar!
Später erregte plötzlich ein mächtiger, farbiger Rauch, kommend von einer Bühne, die sich etwas seitlich im Garten befand, unsere Neugier. Es begann nun die nächtliche Tragödie um Arcadia, einem Ort der Sehnsucht nach Harmonie zwischen Mensch und Natur, Religion und Mythos. Bei Musik wie aus anderen Sphären und viel Lichtzauber bewegten sich an die sieben Tänzer wie Marionetten, einmal schwebend, dann plötzlich rasant, was sehr effektvoll wirkte. Als ob, was da gezeigt wurde, uns in die nächsten Jahrhunderte hineinziehen sollte, worüber wir verwirrt und erstaunt zugleich waren. Am Ende dieses Stückes zauberten zwei der Mimen das herrliche Feuerwerk, das von Musik des wundervollen Lully gekrönt war, hervor! Der Himmel erstrahlte in vielen Farben und glitzerte schier endlos wie abertausend Glühwürmchen.
Teure Marquise, viele Einzelheiten sind es, die Sie sicher fesseln. Falls es Sie aber nur ermüdet hat, dann bitte ich Sie mir zu glauben, daß ich Ihnen doch mit der Genauigkeit, die der Fähigkeit eines Berichterstatters alle Ehre macht, erzählen mochte!
Mit der Gewißheit schließe ich den Brief, daß Sie die Empfindungen, die mich an Sie fesselt, teilen. Indes muß ich verzweifelt darauf bestehen, daß Sie es im nächsten Jahr ermöglichen werden, sich im Juli nach Sachsen zu begeben und mich dann zum 6. Sonnenball auf Schloß Nischwitz zu begleiten. Denn gewiß werden sich wieder unzählige Damen und Herren, der von Ihnen so geschätzten edlen Gesellschaft einfinden.
Niemand kann Ihnen aufrichtiger verbunden sein als ich.
Ganz Ihre Frau von Borsody
(Text: Thomas Mauersberger)
