Ball der Bälle auf Schloß Nischwitz
Leipziger Volkszeitung / Muldentalzeitung Montag,11. 06. 2001
Ball der Bälle auf Schloß Nischwitz
Die höfische Etikette musste gewahrt werden - beim Sonnenball auf Schloß Nischwitz. Kostümiert vergnügten sich über 200 Gäste auf dem Rasen des Landschaftsgartens und in den Gemächern der ehemaligen Sommerresidenz des Grafen von Brühl. Wer nicht vom adeligen Stand war, also ohne entsprechende Roben Einlass begehrte, wurde in Sackleinen gesteckt. Spaß und Kultur kamen nicht zu kurz.
Maestro di Ballo ließ bitten
Über 200 Gäste unternahmen barocke Zeitreise auf Schloß Nischwitz
N I s c h w i t z . Sehen und gesehen werden hieß am Sonnabend das unausgesprochene Motto beim Sonnenball auf Schloß Nischwitz. Während 80 überwiegend junge Leute vor und hinter den Kulissen wirkten, unternahmen über 200 Gäste eine barocke Zeitreise.
"Kurzfristig ist es uns gelungen, Giovanni Giorgio di Procchiano als Tanzmeister für den Großen Hofball zu gewinnen", verkündete der Sonnenkönig. Aaaah, die Damen am Hofe des Grafen Heinrich von Brühl waren entzückt. Die Grafen und Herzöge in ihrer Begleitung ebenso. Rauschende farbenprächtige Roben, wallende Reifröcke, weiße Perücken bestimmten das Bild vor dem Gartensaal von Schloß Nischwitz. Der Kostümverleih aus Bad Düben war bis zum Abend eine gefragte Adresse für Kurzentschlossene. Denn wer sich nicht nach eigenem Gusto kleidete, wurde von den Pagen in Sackleinen gesteckt. Nur Wenige, einschließlich unseres Fotografen, ereilte diese höfische Strafe.
Ausgestattet mit Roben aus der Zeit des Barock schritten 20 Nischwitzer die Schloßtreppe empor, wegen der ungewohnten Länge und Form der Kleider immer schön auf die Stufen achtend. Sie wollten sich das Ereignis vor der Haustür nicht entgehen lassen. Auch die Reiterquadrille aus dem Dorf war ob ihrer schmucken Uniform nicht wiederzuerkennen. Schauspiel- und Musikstudenten sorgten im Park und in den Schloßgemächern für Kurzweil. Seit Wochen hatten hier die sieben Mitglieder der IG Sonnenball aus Leipzig-, Künstler , Lebenskünstler und ein angehender Arzt, ihre Freizeit verbracht. Nicht nur Kinder, die bis zwölf Jahre freien Eintritt hatten, berührten sacht die mit Seidentapete und Papierrosen ausgekleideten Wände. Im Kaminzimmer plauderte Dr. Walter Fellmann über Graf Heinrich von Brühl, Finanzminister August des Starken. Der sächsische Historiker und Schriftsteller verriet dem verehrten Publikum, dass über diesen Mann kein Wort zu verlieren sei, ohne auf das Geld zu sprechen zu kommen. "Er war bienenfleißig, schrieb täglich 28 Briefe - ein schrecklicher Gedanke - und im Grunde genommen war er überfordert. Doch unter seiner Bauleitung entstanden Schlösser wie Nischwitz, der Dresdener Zwinger, unvergleichlich und natürlich und die Sächsische Porzellanmanufaktur Meißen erreichte unter Brühl eine Blütezeit".
Derart wissensgestärkt bestellte ein Gast am Buffet: "Ein Glas von dem roten Saft der Kirsche bitte". Eine Dame an seiner Seite fächelte ihm mit ihrem Fächer ein wenig Luft. Draußen, im Garten, vergnügten sich Kinder auf einer Schaukel unter hohen Bäumen. Und Maestro di Ballo ließ bitten. Rechts rechts, links links und drehen. "Aaaah, Applaus für den Maestro." Fackeln erhellten die Nacht.
Heike Baldauf
Lebenselexier für Schloß Nischwitz
Von Heike Baldauf
Als Schlossherren für einen Tag durften sich am Sonnabend über 200 Gäste der Leipziger Interessengemeinschaft Sonnenball auf Schloß Nischwitz fühlen. Bis in den Morgen hinein wurde in der Sommerresidenz des Grafen Heinrich von Brühl Hof gehalten, mit Schauspielkunst und gutem Essen. Die sieben Mitglieder der IG gaben jungen Künstlern eine Bühne und Fans des Barock ein Podium zur Selbstdarstellung. Dem Augenschein nach von Adel, traf sich hier dennoch keine abgehobene Gesellschaft. Hier zeigten vor allem junge Leute Einfallsreichtum und Engagement für die Belebung eines kulturhistorisch wertvollen Ensembles. Wie viele Schlösser in Sachsen wurden vor der Wende als Altersheim zweckentfremdet und haben sich seither kaum verändert, obwohl sie nach der Wende einen neuen Besitzer fanden und Raum bieten für Kultur im Dorf. Auch Schloß Nischwitz war ein Altenheim und stark sanierungsbedürftig. Dank des neuen Eigentümers UKB Kapitalanlagen GmbH, der in der einstigen Orangerie Wohnungen errichtete, des Fördervereins Mittleres Muldegebiet, der die Pflege des Landschaftsgartens übernommen hat, und der IG Sonnenball herrscht Leben im Schloß.
